Start des Grassmé-Films

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Kai Ehlers (li.) und sein Team beim Einstellen der Kamera. Foto: Thorsten Pahlke

Ein Bericht von Thorsten Pahlke

Heute morgen, 6.30 Uhr, es ist neblig. 1,5°C zeigt das Thermometer an als ich mich auf den Weg nach Dauenhof machen. Der Berliner Filmemacher Kai Ehlers lud zum Drehstart des Grassmé-Films ein (wir berichteten). Am Ziel angekommen nahm ich eher vage drei Gestalten im Nebel wahr. Diese waren dabei, die Kamera zu kalibrieren. Der Filmemacher Ehlers möchte den Film mit dem Gang vom Bahnhof Dauenhof bis ins Horster Moor, wo Grassmé lebte, starten. Diesen Weg legte die Ehefrau von Ernst Otto Karl Grassmé mehrere Male im Monat zurück – über 40 Jahre lang. Sie kam aus Altona und versorgte ihn mit Lebensmitteln.

Das neblige und kalte – eigentlich triste Wetter – bezeichne ich als stimmungsvollen Begleiter. Einer, der die Geschichte Grassmés zu kennen scheint. Neben der skurilen Figur, die oft als „der Spinner aus dem Moor“ bezeichnet wurde, gibt es auch eine tragische Geschichte über den Einsiedler aus dem Moor zu berichten. Grassmé wurde von den Nazis als schizophren abgestempelt und zwangssterilisiert und lebte bis zu seinem Tod 1992 in der Einsamkeit des Moores. Doch auch im Moor war das Leben nicht einfach – von den natürlichen Widrigkeiten mal abgesehen. Manche Menschen wollten, dass er aus dem Moor verschwindet. Bauern, die ihre Wiesen rund ums Moor hatten, schikanierten Grassmé. Sie ließen wilde Bullen auf den Weiden laufen wohlwissend, dass sein Frau ihn besuchen wollte. Somit ist die Geschichte Grassmés nicht nur die Geschichte über den „Moor-Kauz“, es ist vielmehr ein Spiegel unserer Gesellschaft und sie ist aktueller denn je.

Die Kamera wollte nicht so wie der Filmemacher wollte. Doch Ehlers ist zäh, lässt sich nicht entmutigen. Über eine Stunde beobachte ich Ehlers und sein Team. Kalt ist es. Ich schaue zum Moor. Verschwommen sehe ich den Birkenwald und ich muss daran denken, dass Grassmé viele solcher trüben, kalten und feuchten Tage erlebt haben muss. Jedoch gänzlich ohne die Gewissheit, wieder zurück zu können. Zurück ins Warme, ins Licht, ins Leben… Wobei: „ins Leben“ kann ich weglassen. Das Moor war sein Leben. Er ging freiwillig dort hin. Er suchte es sich aus. Wenn ein Mensch es schafft, dort über 40 Jahre lang zu leben, dann ist es sein Leben.

Einen Teil seines Lebens können wir schon bald digital betrachten. Der Berliner Kai Ehlers arbeitete sich durch hunderte Briefe des Moorbewohners, Erzählungen von Zeitzeugen und viele Akten über Grassmé durch. Dies alles in einen ca. 60-minütigen Film zum Ausdruck zu bringen ist eine wahre Kunst. Eine, die Ehlers versteht. Der Film soll im Frühjahr 2017 fertig sein.